Das Rad, vor dem die Pferde scheuten

Büssings Velociped von 1868/69

Carsten Behring und sein Büssing Velociped von 1868/69 und sein Büssing 8000-Allrad

Büssings Velociped von 1868/69: Ein einmaliges Stück Technik-Geschichte ist wieder zurück in Braunschweig

Einst war die Wolfenbütteler Straße von mächtigen Linden gesäumt, unter denen auf staubigen Wegen die Reiter trabten. In der Straßenmitte rasselten die Postkutschen über das holprige Pflaster in die Residenzstadt, wo Herzog Wilhelm regierte.

Am Augusttor kontrollierten noch Wärter, die nachts zusperrten. Mehr als 140 Jahre ist das her. Damals, um 1868/69, entstanden in der winzigen Werkstatt von Heinrich Büssing an der Wolfenbütteler Straße die ersten Velocipeds. Und solch ein Büssing-Hochrad ist nun wieder in Braunschweig aufgetaucht.

Dies für unsere Region einmalige Stück Technik-Geschichte hat Carsten Behring erworben, Unternehmer und nebenbei glühender Büssing-Fan. Der 43-Jährige sammelt alles, was mit Büssing zu tun hat: Ersatzteile, Fotos, Plakate, Schilder, Prospekte, Konstruktionszeichnungen.

 

Rarität auf dem Dachboden

Aber Behring besitzt auch Büssing-Lastwagen. Beispielsweise den Typ 8000 mit Allradantrieb. Ziemlich ramponiert sieht dies Modell von 1953 aus, aber der Doppelachs-Gigant ist technisch komplett und vermutlich weltweit der einzige seiner Art. Blitzblank restauriert präsentiert sich ein A 4500 von 1942. Unter dem Namen "105er" ist diese Modellreihe berühmt geworden; vor allem als kraftvoller Umsetzer des deutschen Wirtschaftswunders.

Nun also ein Büssing-Hochrad. Eines von wahrscheinlich nur zweien, die weltweit existieren. "Das Ding hat 100 Jahre auf dem Dachboden eines Krankenhauses am Bodensee gelegen," erzählt Carsten Behring. "Da entdeckte es ein Fan. Und als dessen Sammlung in Waltenhofen bei Kempten jetzt aufgelöst wurde, konnte ich zuschlagen."

Nein, dies Velociped ist natürlich kein sündhaft teurer Oldtimer wie ein Porsche 356 Carrera. Aber das schlichte Hochrad, dessen Rahmen deutlich Büssings Schmiedekunst zeigt, darf für unsere Region als Zeichen für den Aufbruch ins mobile Zeitalter gelten. Selbst die Büssing-Gedenkstätte in Nordsteimke, wo Heinrich Büssing 1843 geboren wurde, besitzt nur einen Nachbau.

 

Vorbild: Michaux-Hochrad

1867 hatten Vater und Sohn Michaux bei der Weltausstellung in Paris erstmals ein Hochrad mit Tretkurbel vorgestellt. Vorher kannte man lediglich das so genannte Laufrad von Karl von Drais. Auf dieser "Draisine" saß man und trieb das zweirädrige Gefährt mit Tritten vorwärts - einmal links, einmal rechts.

Die Tretkurbel am Vorderrad erwies sich dann als riesiger Fortschritt. Aber nicht lange - wie auch Büssing zu spüren bekam. Bald kam aus England das Niederrad mit zwei gleich großen Dunlop-Luftreifen und Freilauf. Eine Fahrradwelle begeisterte die Welt. Nicht zur Freude der Obrigkeit. In Braunschweig verlangte die Polizei eine "ständig tönende Schelle am Lenker" und "Zeichen mit der Trillerpfeife", wenn sich ein Pferdefuhrwerk näherte - Autos gab?s ja noch nicht.

Das Hochrad jedoch, wie es Büssing nach Michaux-Vorbild ab 1868 baute, erwies sich nur als vorübergehende Erscheinung. Ein Anfangsschritt - auch für Büssing selbst.

Wer dieser Heinrich Büssing war? Als er 1929 starb, lag ein glanzvoller Lebensweg hinter ihm. Gelernt hatte er, der spätere Ehrenbürger Braunschweigs und Ehren-Senator der TH Braunschweig, in der Dorfschmiede seines Vaters in Nordsteimke. Er bildete sich dann als Gasthörer für Maschinenbau am Collegium Carolinum weiter und gründete später in der Wolfenbütteler Straße 37 die "Velocipedes-Fabrik H. Büssing".

Man kann sich gut vorstellen, wie kompliziert das Hochrad-Fahren bei der miesen Straßenqualität von einst gewesen sein muss. Wie ein Akrobat musste Büssing balancieren, wenn er durch Braunschweigs Straßen strampelte. Begleitet von jubelnden Kindern und Hurra-Rufen der Bürger, die ihre Hüte schwenkten. Und immer wieder scheuten die Pferde!

Die erste Station seiner Laufbahn ließ Büssing schnell hinter sich und gründete 1873 mit dem Geld des Kaufmanns Max Jüdel die "Eisenbahn-Signal-Bauanstalt Max Jüdel & Co". Aus dieser äußerst erfolgreichen Firma schied Büssing im Alter von 60 Jahren aus. Doch statt den Ruhestand zu genießen, gründete er 1902/1903 nochmals ein Unternehmen: "H. Büssing Motorlastwagen und Motoren-Fabrik".

 

Weltruhm mit Lastwagen

Diese Marke, die bereits 1902 mit ihrem ersten Lastwagen viel Ruhm erntete, entwickelte sich zu einem der weltweit bedeutendsten Nutzfahrzeug-Hersteller. Der Burglöwe am Kühler erwies sich als Qualitäts-Symbol. Doch Mitte der 1960er-Jahre geriet Büssing in wirtschaftliche Turbulenzen. MAN stieg ein und übernahm 1971 die Marke komplett.
Wer weiß? Wenn VW das Sagen bei MAN hat, vielleicht kehrt dann der Name Büssing wieder zurück.


Eckhard Schimpf - Braunschweiger Zeitung, 30.07.2011

 

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