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In einer Waschmaschine on Tour

Die Entdeckung der Langsamkeit

Von Claudia Labude

Landkreis Börde. Eines ist sicher: Es gibt härtere Selbsterfahrungstrips als den, sich auf die Suche nach dem besonderen Oldtimergefühl zu begeben. Ulrich Krämer ist seit fast 30 Jahren "infiziert" und deshalb zusammen mit seiner Frau Silvia erste Wahl für eine Mitfahrgelegenheit.

Auf der Automobilausstellung in Frankfurt am Main sah der gebürtige Bayer damals sogenannte Replica-Fahrzeuge, also Autos mit moderner Technik, die wie ihre alten Vorbilder aussehen. "Ich habe Maschinenbau studiert und verspürte große Lust, auch mal eines zu restaurieren. Allerdings sollte es schon ein richtiger Oldtimer sein", erinnert er sich.

Über einen Bekannten kam Krämer so an den Fiat 514, Baujahr 1928. Und genau in diesem Schmuckstück tuckern wir bei herrlichstem Sonnabendnachmittags-Sonnenschein durch Elbeu in Richtung Meitzendorf. Dabei hatte sich das Ehepaar aus Braunschweig doch wegen des unbeständigen Wetters der letzten Wochen extra gegen ihren anderen "Oldie", einen offenen Zweisitzer der gleichen Marke, und für den geschlossenen Wagen entschieden. Dass der keine Heizung hat, interessiert bei 25 Grad Außentemperatur eh niemanden.

Die Gardinen an den hinteren Scheiben des Viertürers vermitteln Wohnzimmeratmosphäre. Dazu passt, dass die rot gepolsterte Rücksitzbank so bequem ist wie eine gemütliche Couch. Allerdings besteht keine Gefahr, einzuschlafen. Denn die moderate Fahrtgeschwindigkeit von 50 Stundenkilometern fühlt und hört sich schneller an. Es ruckelt fast wie bei einem langsamen Waschmaschinen-Schleudergang. Das Mitschreiben wird schwer, dabei erzählen Silvia und Ulrich Krämer, die früher bei Autorallyes durchaus ganz andere Spitzengeschwindigkeiten gefahren sind, begeistert von den Vorteilen älterer Fahrzeuge.
"Mit so einem Auto wird das Tempo egal, man fährt spazieren. Der ADAC hat dafür den Begriff des ¿Oldtimerwanderns‘ geprägt", plaudert Krämer aus dem Nähkästchen. Und wer auf vier Rädern wandert, der tut dies umsichtig und vorausschauend. Denn in den alten Fahrzeugen gibt es meist weder Gurte noch Kopfstützen oder gar Airbags. Wurden diese Sicherheitseinrichtungen doch erst viel später entwickelt.

Die zweite Ausfahrt des Tages führt durch Hohenwarsleben, Hermsdorf und Groß Santersleben in Richtung des Schlosses Hundisburg. Teilweise sind die Ortschaften menschenleer. Manchmal allerdings stehen Zuschauer am Straßenrand, winken begeistert, wenn die Oldtimer vorbeiziehen. Die Krämers kennen das, hupen, winken – und fahren auch mal (noch) langsamer, wenn jemand ein Foto machen will. Den Ehrgeiz, solche Wertungsfahrten zu gewinnen, haben beide nicht mehr. In den Anfangsjahren haben sie "alles gewonnen, was es so gab", da wird man ruhiger.

"Aber wir können es noch", erklärt Silvia Krämer. Ehemann Ulrich lässt ihren Worten bei einer der Streckenprüfungen Taten folgen. Auf dem Hof des Schlosses Hundisburg muss er beweisen, wie gut er sein Gefährt einschätzt, indem er mit der Außenkante genau ein Meter vor einem Stoppschild hält. Der Helfer vom ADAC ist beeindruckt, als er nachmisst und das Ergebnis verkündet: "Ein Meter und zwei Zentimeter!" Freude in den Gesichtern der Oldtimerbesitzer. Durch die Niedere Börde geht es zurück in Richtung der Wolmirstedter Domäne. Statt über winkende Menschen am Straßenrand, kann man die Blicke nun in Ruhe durch die Landschaften rechts und links der Straße schweifen lassen.

Ja, das Oldtimer-Fieber ist ansteckend. Es vermittelt vor allem Freunde an der Langsamkeit und schärft die Sinne für den Wegesrand. Und noch etwas fällt auf: So, wie einem der Anblick eines chinesischen Faltenhundes im Vergleich zum eigenen Gesicht immer ein gutes Gefühl gibt, fühlt man sich in so einem Oldtimer herrlich jung!


Volksstimme.de, 13. September 2010

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