Als Kraftfahrer noch Kraft brauchten
Von Frank Wöstmann
DORSTADT. Es ist nicht zu übersehen: Die Zahl der Oldtimer-Veranstaltungen wächst unaufhörlich. Da bedarf es schon einer erfahrenen Hand, um als Veranstalter ein Programm aufzustellen, das im Termindschungel nicht untergeht. Den Machern der ADAC-Harz-Heide-Fahrt gelang dieses Kunststück.
Als am Sonntagvormittag die ersten historischen Vehikel auf das Gutsgelände in Dorstadt einbogen, trauten manche Besucher wohl ihren Ohren nicht: Einige Oldtimer klangen wie röhrende Hirsche – zumindest ihre Hupen. Die hörten sich allerdings vor 70 Jahren im fabrikneuen Zustand tatsächlich so an.
Stilechte Brüder im Geiste. Mathias Baumgart (Braunschweig) fährt den Ford A als Tudor Sedan (links), während Wilfried Hoffmeyer (Walsrode) das gleiche Modell als Roadster besitzt. Beide Autos sind Baujahr 1931.
100 Autos und 30 Motorräder hatte der ADAC AutoSport- und OldtimerClub Harz/Heide für die Fahrt zugelassen, deren erste Prüfung in Dorstadt lief. Die Zwei- und Vierräder mussten möglichst mittig zwei Markierungen passieren. "Solch ein Programm ist nicht unproblematisch", berichtete Organisator Ulrich Krämer. "Es darf nicht zu schwierig sein, aber auch nicht zu langweilig."
Langweilig wurde es niemandem. Die Fahrer nahmen im Festsaal ein Frühstück und besichtigten dann die Ausstellung für landwirtschaftliche Geräte der Familie von Löbbecke. Die Besucher draußen sahen sich satt an wirklich seltenen Fahrzeugen und echten Pretiosen. "Wir haben die ganze Palette von A wie Adler bis Z wie Zündapp", freute sich Krämer. Ältester Starter war ein Rover-Motorrad von 1913.
Bestaunt wurden vor allem liebevoll hergerichtete Details wie Ballonhupen oder die offenbar häufig benutzten Schwiegermuttersitze. Mit dabei: Ein Citroën von 1926, der fast ältestes Auto geworden wäre. Er befindet sich schon viele Jahrzehnte im Besitz der Braunschweiger Zeitung. Am Steuer: Redakteur Ernst-Johann Zauner. "Von Landschaft kriegt man wenig mit", berichtete er erste Eindrücke. Im Vordergrund stehe die Konzentration auf Fahrzeug und Straße. "Bei drei Pedalen ist das Gas in der Mitte, die Bremse rechts – da heißt es aufpassen." Auch das Lenkrad erfordere energische Führung. "Lässig nur eine Hand am Steuer, den Ellbogen aus dem Fenster gelehnt – das ist mit so einem Veteranen nicht zu machen." Davon wussten jene nichts, die ihren Sonntag im Klappstuhl am Straßenrand verbrachten. Sie winkten vorbeirollenden Wagen unverdrossen zu. Beifahrer zumindest winkten zurück.
Braunschweiger Zeitung, 12.06.2006