Das zweite Leben der alten Germania
Von Jörn Stachura
An der Haustür winkt Rita Ehlers gleich weiter: "Gehen Sie durch in den Wintergarten. Da steht sie." Dort angekom-men, fragt man sich unwillkürlich: Was, um alles in der Welt, ist das? Antwort von Werner Ehlers: "Eine Germania von Seidel & Neumann. Baujahr 1904. Die wahrscheinlich einzige auf der Welt."
Und schon sind wir drin im Kosmos der Motorrad-Restau-rateure. Menschen, die mit einer unglaublichen Akribie alles daran setzen, alte Technik zu erhalten. Auch Ehlers gehört zu ihnen. Er hat sich spezialisiert auf Vorkriegsmotorräder. Darunter natürlich auch Fahrzeuge, die längst in Vergessenheit geraten sind.
Oder kennen Sie Seidel & Neumann? Wenn nicht, sei das keine Schande, beruhigt Ehlers: "Es gibt nur noch eine weitere Maschine. Die steht aber im Deutschen Technik-Museum in München." Ehlers hat sie sich natürlich angesehen, um Fingerzeige für die Restauration seiner Germania zu erhalten, wurde jedoch enttäuscht: "Eine Zweizylinder. Meine hat nur einen Zylinder - ein anderes Modell also."
Werner Ehlers mit seiner sorgsam restaurierten Germania aus dem Jahr 1904. Sie würde wohl jedes Wohnzimmer schmücken.
Fünf Jahre ist es her, dass ein Spediteur die Seidel & Neumann bei Ehlers mit den Worten abgab: "Sie glauben doch wohl nicht im Ernst, den Schrotthaufen wieder hinzubekom-men." Wenn er wüsste! Der Unterschied zum Auslieferungszustand im Jahr 1904 dürfte gering sein. Es blinkt und blitzt, wohin man schaut. Der Goldschmiedemeister im Ruhestand hat ganze Arbeit geleistet.
Ein Zufall ist das nicht. Unzählige alte Motorräder sind bereits durch die Hände von Ehlers gegangen. "Die Krankheit begann", sagt seine Frau ironisch, "mit dem von Vater geerbten D-Rad. Dann kamen immer neue Motorräder."
Erst die aus der Zeit vor dem 2. Weltkrieg und dann schließlich Maschinen, die vor dem 1. Weltkrieg gebaut wur-den. Heute hat sich Ehlers, der noch nie ein japanisches Motorrad gefahren ist, ganz den Fahrzeugen verschrieben, die aus den Anfangstagen des Motorradbaus stammen.
Dass es ausgerechnet eine Germania ist, spielte eine völlig untergeordnete Rolle. Denn Seidel & Neumann hat sich keine besonders große Verdienste um das Motorrad erworben. Der Nähmaschinen- und Fahrrad-Hersteller aus Dresden hat das technische Herzstück, den Motor, lediglich in Lizenz gebaut.
Und dort wird es interessant: Es handelt sich um einen Motor von Laurin & Klement - zwei geniale tschechische Konstrukteure. Urväter von Skoda. Sie standen zur Jahrhundertwende im Ruf, die besten Motorradmotoren der Welt zu bauen.
353 Kubik Hubraum, 3 PS bei etwa 1000 Umdrehungen - so die Grunddaten der Germania. "Bei 70 Kilo Gewicht soll das für Tempo 70 reichen", erzählt Ehlers.
Natürlich hat er den Motor bis zur letzten Schraube zerlegt und festgestellt: "Selbst nach 102 Jahren gab es kaum Verschleiß."
Ganz anders sah es freilich mit den Anbauteilen aus: Sie fehlten oder befanden sich im beklagenswerten Zustand. "Ohne die Hilfe von tschechischen Spezialisten wäre die Restau-ration unmöglich gewesen", ist sich Ehlers sicher.
Es handelt sich schließlich um Technik, die bestimmt wird Von Seltsamkeiten wie Abreiß-Zündung, Flatterventil und wechselgesteuertem Auslass-Ventil. Die Technik ist im Grunde simpel, das Zusammenspiel jedoch um so komplizierter: Sagenhafte 11 Hebel hat der Fahrer fehlerfrei zu bedienen - son-st wird es lebensgefährlich.
Das liegt am so genannten Oberflächen-Vergaser. Über ihn prahlte Seidel & Neumann einst: "Das Beste, was auf dem Markt ist." Ehlers meint: "Reine Werbung." Und seine Frau: "Der Vergaser macht die Maschine zur rollenden Bombe." Denn der Oberflächenvergaser saugt direkt aus dem Tank die Benzindämpfe an. "Wenn die Zündung nicht 100-prozentig stimmt, schlägt die Flamme aus dem Zylinder zurück in den Tank", erzählt Ehlers. Schwere Verbrennungen seinen dann fast unvermeidlich.
Und so handschmeichelnd die neu vernickelten Bedienhebel auch sind, es bedarf eines Fahrzeugführers im wahrsten Sinne des Wortes, die Maschine in Gang zu setzen und zu halten. Ehlers meint freilich: "Wenn man sich mit der Technik auskennt und Erfahrung hat, ist das kein Problem." Erfahrung sammelte er bei unzähligen Gleichmäßigkeitsrennen in Ibben-büren, wo Oldtimer zeigen können, was in ihnen steckt.
Bei einer solchen Gelegenheit könnte er auch den kleinen Hebel umlegen, der im Auspuff-Krummer eine Öffnung, groß wie eine Streichholzschachtel, freigibt. So wird der dämpfende Auspuff umgangen, und die Maschine kann frei ausatmen.
Ehlers meint: "Das ist original so. Aber auch damals ist man wohl nur außerorts offen gefahren." Richtig laut soll der Motor jedoch auch dann nicht sein.
Soll? Bislang hat es Ehlers noch nicht gewagt, die Maschine zu starten und zu fahren. "Wohin fahren? Jeder Halt ist quasi Gift für den Motor. Der will gleichmäßig laufen."
Die ersteh Lebenszeichen soll die Germania aber demnächst von sich geben: Beim großen Oldtimer-Treffen am 1. Mai auf dem Flughafen Waggum.
Braunschweiger Zeitung, 11.04.2006