Sch(n)uckelsaison ist eröffnet
Zum Saisonbeginn raus mit den Oldtimern
Horst Hille mit seinem liebevoll restaurierten Ford A. Der Tischlermeister kaufte das gute Stück er einen Händler in den USA
Oldtimer lassen die Herzen ihrer Eigentümer und Betrachter höher schlagen, sie sind Liebhaberstücke oder Statussymbol. Im Winter sind die schönen alten Fahrzeuge aufgebockt, um die Reifen zu schonen. jetzt holen die Oldtimer-Freunde ihre Schmuckstücke wieder aus dem Winterquartier und machen sie flott für die Saison. Den "Cruising-Faktor" nennt es Jörg Brüggemann, Vorsitzender der Kapitän Admiral Diplomat Interessengemeinschaft Hannover (KAD-IG).
"Endlich wieder wie auf dem Sofa schön über die Straße schuckeln, nicht so schnell fahren, einfach genießen", beschreibt er das Lebensgefühl, das ihn begleitet, wenn er zu Saisonbeginn erneut mit seinem Opel Diplomat auf Tour geht. Nicht die technische Faszination brachte den selbstständigen Gebäuderei-nigermeister zur Oldtimer-Liebhaberei, sondern das Faible für Altes und die Erinnerung: Die Opel-Klassiker waren Fahrzeuge aus seiner Kindheit. Sie vermittelten ihm ein familiäres Gefühl. Startschuss für die Hannoversche Interessengemeinschaft ist das Himmelfahrtswochenende mit einer mehrtägigen Tour und größtem Alt-Opeltreffen des Jahres an der Ostsee. "Dickschiffe" nennen die Mitglieder der KAD-IG liebevoll ihre raumgreifenden Klassiker aus den Fünfziger bis Siebziger Jahren. Bestes Stück ist ein Diplomat A Coupe von 1966: "Ein Top-Modell der Oldtimer-Szene", schwärmt Jörg Brüggemann.
Bis vor kurzem stritten sich die Geister darüber, wie rar das limitierte Modell sei und ob einst 308 oder 347 Stück produziert wurden. "Kürzlich tau-chte in Portugal ein Exem-plar mit der Nummer 333 auf', erzählt Brüggemann über den "Exper-tenstreit". Nun sei die Sache klar. Die Freunde der Opel-Klassiker verbindet aber nicht nur Fachsimpelei. Geselligkeit wird groß geschrie-ben. Im Sommer gibt es gemeinsame Ausflugs-fahrten, im Winter regelmäßige Treffen ohne Autos. Denn: Gute Kontakte zu Gleichgesinnten sind auch wichtig, um Ersatzteile zu kaufen oder zu tauschen. Über einen Dachverband unterhalten die Hannoveraner internationale Verbindungen, die bis nach Bolivien reichen. Dort lebt der Eigentümer eines 54-er Kapitäns.
Auf Regionalität der AutoSport- und Oldtimer Club Harz/Heide im ADAC aus Braunschweig. "Wir sind kein Marken-Club. Bei uns ist alles vertreten, von A wie Adler bis Z wie Zündapp", sagt der Vorsitzende Ulrich Krämer. Die ältesten Fabrikate sind ein White aus den USA von 1904 und ein Motorrad von Rover aus 1913: "Alle top gepflegt." Startklar für die Saison sind bereits die guten Stücke von Oldtimerclub-Mitglied Horst Hille aus Wolfenbüttel. Die formschönen Karos-sen eines Ford A von 1930, eines knallroten Mer-cedes 230 SL von 1965 und zweier BMW-Motorräder aus den Fünfzigerjahren stehen auf dem Hof und glänzen um die Wette. los ging die Liebhaberei vor 20 Jahren. Mit knapp 50 Jahren erfüllte sich Hille einen Jugend-traum. Er kaufte sich eine BMW R 26 von 1958: "Die konnte ich mir in den Fünf-zigern finanziell nicht leisten", erzählt Hille und blickt mit stillem lächeln auf seinen kleinen Fuhrpark.
Das Basteln an den Oldtimern am Wochenende war für den ehemaligen Tischlermeister Ausgleich vom beruflichen Alltag. "Der hat alles, was ein Auto, heute ebenfalls hat, nur keine Servolenkung", sagt der Wolfenbütteler über seinen 40-PS-starken Ford A, dem Nachfolgemodell der legendären Tin Lizzy. letztere löste Mitte der Zwanziger Jahre in den USA einen Boom aus. 10,5 Millionen Exemplare wurden produziert. Wenn Horst Hille mit seinem prächtigen Ford und 80 Kilometern pro Stunde über die Landstraßen fährt, winken und hupen andere Autofahrer, "manchmal erschrecke ich mich dann", erzählt der 73-jährige.
Im Sommer wird es im Cockpit des Fords zu heiß. Dann steigt Hille in sein elegantes Mercedes Cabriolet. Das ist mit 150 PS deutlich schneller, schluckt aber mehr Sprit. Bei der Höchstgeschwindigkeit von 200 Kilometern pro Stunde, die Horst Hille allerdings kaum ausfährt, kommt der Mercedes auf einen Spitzenverbrauch von 24 Litern: "Damit fährt man nur bei schönem Wetter", flachst denn auch ein Nachbar im Gespräch beim Ortstermin.
Auch Opel-Liebhaber Jörg Brüggemann treiben die hohen Spritkosten kaum den Schweiß auf die Stirn: "Bei vier bis fünfmal Tanken in der Saison fällt das nicht ins Gewicht", sagt er. Ein Thema, das die Oldtimerfans derzeit mehr umtreibt, ist die Diskussion um Fahrverbote drohende steuerliche, Sanktionen haben für Wagen mit hohem Schadstoffausstoß. ,,90 Prozent der Oldtimer haben keinen Katalysator", sagt Ulrich Krämer vom Autosport- und Oldtimerclub Harz/Heide, der vom ADAC rechtlich beraten wird.
300 000 Oldtimer wären bundesweit betroffen, schätzt Krämer. Die gesetzliche Lage sei noch nicht abschließend geklärt. Für die Umsetzung der neuen Regelungen werden die Kommunen zuständig sein. Die Oldtimer-Lobbyisten wollen in Berlin für Ausnahmeregelungen für die historischen Fahrzeuge kämpfen. Die pflege historischer Fahrzeuge ist übrigens kaum ein Hobby für junge Leute, denn es kostet viel Zeit und Geld. Das jüngste Mitglied des Autosport- und Oldtimerclubs Harz/Heide sei 40 Jahre alt, sagt Horst Hille. 5000 bis 6000 Euro Startkapital müssten Einsteiger für ein Motorrad oder einen nicht ganz so alten Wagen, einen "Youngtimer", aufbringen.
Hannoversche Wirtschaftszeitung, April 2007


